Freitag, 23. April 2010
Brief aus Berlin 150
Strategie der Terroristen darf nicht aufgehen
Der jüngste Taliban-Angriff auf die Bundeswehr hat Erschütterung ausgelöst: Deutschland trauert um seine Soldaten. In die Betroffenheit mischen sich aber auch Vorwürfe. Tragen wir genug zur Sicherheit unserer Soldaten am Hindukusch bei? Was hat die Bundeswehr überhaupt in einem Land zu tun, dass fast 5.000 Kilometer von Deutschland entfernt ist?
Zunächst einmal dürfen die tragischen Opfer nicht darüber hinweg täuschen, dass die Soldaten vor Ort gut ausgebildet sind und die militärische Ausstattung immer wieder der veränderten Sicherheitslage angepasst wird. So ist die Zahl der geschützten Fahrzeuge in den vergangenen Jahren verdoppelt worden.
Eine vollständige Sicherheit kann aber auch die beste Ausrüstung nicht geben. So bedauerlich dies im Einzelfall sein mag: Es wird immer wieder Situationen geben, in denen Soldaten ihr Leben riskieren. Dieses Risiko gehört zu ihrem Beruf. Sie riskieren ihr Leben für ein sehr hohes Gut – für unser aller Sicherheit. Daher gebührt ihnen hohe Anerkennung.
Vor dem Plenum des Deutschen Bundestages hat Angela Merkel in dieser Woche Forderungen nach einem sofortigen Abzug der deutschen Truppen aus Afghanistan – völlig zu Recht – als unverantwortlich bezeichnet. Trotz aller Defizite und Rückschläge haben wir in Afghanistan über die letzten Jahre Fortschritte erzielt.
Zu Zeiten der Taliban-Schreckensherrschaft reichte der Besitz westlicher Musik aus, für Monate in einem Foltergefängnis zu verschwinden. Mädchen war der Schulbesuch unter Gewaltandrohung verboten. Inzwischen besuchen sechs Millionen junge Menschen die Schule. Darunter sind auch mehr als ein Drittel Mädchen. Es gibt wieder Straßen, fließendes Wasser, mehr Zivilisation. Verbessert werden muss die Sicherheitslage. Fast 200 deutsche Polizisten arbeiten im Moment unter schwersten Bedingungen daran, dass afghanische Ordnungskräfte in Zukunft selbst für Sicherheit sorgen können. In Afghanistan ist viel getan worden – und es bleibt viel zu tun. Für den Fortschritt haben viele Menschen Opfer gebracht, manche sogar mit ihrem Leben bezahlt. Soll das alles umsonst gewesen sein?
Den Taliban und ihren Verbündeten geht es nicht nur um Afghanistan. Sie wollen eine ganze Region destabilisieren. Im Nachbarland Pakistan gibt es Atomwaffen. Man braucht keine große Fantasie, um sich die Konsequenzen eines Sieges der Gotteskrieger in Afghanistan auszumalen. Um dieses Ziel zu erreichen, kämpfen die Taliban auch an unserer Heimatfront. Die Fernsehbilder von Panzerfaust-schwingenden Vermummten in abgewetzten Sandalen dürfen uns nicht täuschen. Mit feigen Attacken wollen die Terroristen das Meinungsklima bei uns beeinflussen, dass sie vorher per Internet abgefragt haben. Dieser Taktik dürfen wir nicht auf den Leim gehen.
Herzlichst, Ihr M. Grosse-Brömer (MdB)
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