Brief aus Berlin


Freitag, 14. November 2003

Brief aus Berlin 25

Erinnerungen wachhalten

An diesem Sonntag gedenken wir der Opfer von Krieg und Gewalt. Der Volkstrauertag ist nicht nur den Millionen Toten der beiden Weltkriege gewidmet. Er erinnert auch an diejenigen, die damals und heute durch kriegerische Handlungen, Verfolgung und Terror ihr Leben oder ihre Gesundheit verloren haben oder verlieren.

Doch beim Volkstrauertag handelt es sich nicht nur um einen Tag der Trauer, der Mahnung und der Erinnerung. Als der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1920 diesen Gedenktag ins Leben rief, betrachtete er ihn zugleich als einen Tag der Solidarität mit den Opfern und deren Angehörigen. Reichspräsident Paul Löbe forderte zwei Jahre später  in der ersten offiziellen Gedenkstunde im Reichstag dazu auf, "an den Gräbern der Opfer" vor allem auch für Verständigung und Versöhnung einzutreten.

Diesem damals keineswegs selbstverständlichen Leitsatz von der Völkerverständigung wird in den offiziellen Gedenkstunden im Deutschen Bundestag seit Gründung der Bundesrepublik Rechnung getragen. An diesem Sonntag werden im Berliner Reichstag Jugendliche aus Deutschland, Frankreich, Polen und Russland ihre Texte vortragen. Jugendchöre aus Berlin und dem weißrussischen Minsk singen gemeinsam.

Wenn wir den Volkstrauertag in unseren Städten und Gemeinden auch künftig als einen Gedenktag erhalten wollen, der nicht nur im Kalender steht, ist es wichtig, vor allem auch die jungen Menschen zu erreichen. Sie dürfen bei den Gedenkstunden und Veranstaltungen nicht das Gefühl haben, dass dieser Tag nur die Generation ihrer Großeltern betrifft. Wir müssen auch sie emotional erreichen. Deshalb ist es wichtig, dass sie über Jugendgruppen, Vereine und vor allem die Schule aktiv in die Gestaltung örtlicher Gedenkfeiern eingebunden werden.

Einen Zugang vermitteln können wir den Jugendlichen auch, wenn sie unsere jüngere Geschichte an Orten des Leidens, der Trauer, aber auch des Terrors – möglichst anhand von persönlichen Schicksalen – kennen lernen. Dafür eignen sich Kriegsgräber- und Gedenkstätten ebenso wie ehemalige Konzentrationslager. Auf diese Weise können wir außerdem Brücken zu aktuellen Themen schlagen, wie Terrorismus, Extremismus, Ausländerfeindlichkeit und Verharmlosung von Gewalt in unserem Alltag



Bildergalerie